Tiny Houses: Minimal wohnen, maximal flexibel

Ingenieur und Verband-Wohneigentum-Mitglied Jens Engelhardt widmet sich mit seiner kleinen Projektentwicklungs-Firma im Landkreis Hildesheim auch dem Thema Tiny Houses. Seine Meinung: Die Mini-Häuser stehen auch für eine Lebenseinstellung. Eine Studie bestätigt das. Und viele Kommunen reagieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Tiny Houses ermöglichen ressourcenschonendes und platzsparendes Wohnen mit geringeren Bau- und Unterhaltskosten.
  • Sie eignen sich vor allem für Singles, Paare und Menschen, die bewusst ihren Wohnraum reduzieren möchten.
  • Vor dem Bau müssen Grundstück, Baurecht und Erschließung sorgfältig geprüft werden – es gelten grundsätzlich die gleichen Vorschriften wie für Einfamilienhäuser.
  • Immer mehr Kommunen unterstützen Tiny-House-Projekte, dennoch unterscheiden sich die Regelungen regional.
  • Tiny Houses sind eine interessante Wohnform, ersetzen jedoch keine flächendeckende Lösung gegen den Wohnungsmangel.
das Tiny House "Chilly Hilly" mit ca. 51 m².   © HildesHome
Speziell für Singles und Paare entwickelt - das Tiny House "Chilly Hilly" mit ca. 51 m².

Vom Garten der Großmutter zum eigenen Bauunternehmen

Ja klar, der Name kommt von der Stadt. Oder? Hildesheim - da liegt es nahe, das eigene dort ansässige Unternehmen HildesHome zu nennen. Der Name hat dann allerdings doch nicht nur mit dem Landkreis zu tun, sondern auch mit der Großmutter Hilde im fränkischen Fürth.

Jens Engelhardt erinnert sich gerne an die Wochenenden, die er und seine Geschwister bei der Oma verbracht haben. “Wenn sie ihren Mittagsschlaf gehalten hat, durften wir immer in dem großen Garten spielen. Da haben wir Kinder natürlich überall Ecken und Winkel entdeckt, und schon damals habe ich mir in meiner Phantasie immer ausgemalt, welche Häuser ich dorthin bauen könnte.”

Wie ein Hildesheimer Bauunternehmer auf kleine Häuser kam

Portrait Jens Engelhardt © HildesHome
Jens Engelhardt baut Tiny Houses in Hybridbauweise aus Holz und Recyclingbeton. Seinen Kundinnen und Kunden gibt er immer einen Flyer des Verbands Wohneigentum mit.

So gesehen ist Jens Engelhardt sich treu geblieben, auch wenn sein beruflicher Weg den 49-Jährigen Ingenieur über einige Umwege geführt hat. Heute baut er Häuser, 2017 hat er zusammen mit einem Rohbauer das Unternehmen gegründet. Er setzt stark auf das Thema Tiny Houses (winzige Häuser). "Wir können auch klein, und das können wir gut", sagt er.
 

Tiny Houses: Kosten, Größe und Baugenehmigung

Der Begriff Tiny House stammt aus den USA. Dort gelten Häuser mit umgerechnet 37 Quadratmetern Wohnfläche und darunter als "tiny". In Deutschland gibt es für das Minihaus bislang keine etablierte Definition. Eine feste Definition gibt es in Deutschland nicht. Die meisten Tiny Houses haben zwischen 20 und 30 Quadratmeter Grundfläche, selten mehr als 45. Zum Vergleich: Rechnerisch stehen jedem Menschen in Deutschland knapp 50 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.Die Kosten reichen vom Bausatz im niedrigen fünfstelligen Bereich bis zum schlüsselfertigen Haus für 100.000 Euro und mehr. Hinzu kommen Grundstück, Erschließung, Fundament und Anschlüsse. Diese Posten werden oft unterschätzt.

 

Für wen eignet sich ein Tiny House?

Genau das bestätigt eine Studie zu Chancen, Grenzen und Risiken von Tiny Houses, die das schleswig-holsteinische Innenministerium zusammen mit der TH Lübeck im August 2023 herausgegeben hat. Laut der Studie leben Menschen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen in einem Tiny House - anders als in den aus den USA bekannten Trailerparks. Sie haben sich vielmehr bewusst dafür entschieden, Wohnraum, Besitz, Kosten, Aufwand und die Verantwortung zu reduzieren und begreifen das vielfach als Befreiung. "Hinter der Konzentration auf das Wesentliche stecken in der Regel eine Philosophie und ein persönlicher Lebensentwurf", heißt es in der Studie, die 6 Typen benennt, die sich für die XS-Wohnform interessieren:

  • "Empty Nester", Mitte 50, beide erwerbstätig, die Kinder sind ausgezogen und das Familienhaus ist für zwei Personen zu groß;
  • Schwellenhaushalte, die sich nur bei Reduktion von Fläche Wohneigentum leisten können;
  • Idealisten und Idealistinnen, die sich für Naturbezug, Reduktion auf das Wesentliche und eine individuelle Wohnform entscheiden;
  • Menschen mit "brüchigen" Lebensläufen, deren Leben weder privat, noch beruflich oder räumlich Kontinuität hat - Hinweis? Tiny Houses kann man umziehen, herkömmliches Wohneigentum nicht;
  • Urbane Minimalisten, die Besitz als Belastung empfinden;
  • Menschen, die ihre Wohnsituation vorübergehend verbessern möchten, wie beispielsweise Studenten.

Auf Rädern oder Fundament: Welche Regeln gelten?

Viele denken, ein Tiny House auf einem Anhänger sei genehmigungsfrei. Das stimmt nur, solange es tatsächlich bewegt wird. Wird das Tiny House auf Dauer bewohnt, gelten die üblichen Bauvorschriften, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Genehmigungsrechtlich entspricht das Minihaus also grundsätzlich dem klassischen Einfamilienhaus. Entsprechend muss man sich mit Genehmigungspflichten und regionalen Verordnungen auseinandersetzen - das Häuschen einfach mal im Garten der Großeltern abstellen, die so schön viel Platz haben, geht nicht. Das Grundstück muss eine dauerhafte Wohnnutzung zulassen, verkehrsmäßig und technisch erschlossen sein, außerdem sind die Baugrenzen einzuhalten. 

Tiny ist Trend

Magazine zum Thema, Messen für Neugierige und eine eigene Facebook-Gruppe "Tiny House Deutschland" - das Interesse an der Wohnform ist da. Woher das kommt? "Die größeren Häuser können sich viele nicht mehr leisten", ist Engelhardts Erklärung. Bei vielen Menschen wachse auch der Wunsch nach alternativen Wohnformen. Das Leben auf kleinem Raum steht für ein nachhaltiges und ressourcenschonendes Wohnen, für Individualität, Freiheit und Reduktion auf das Wesentliche - ist also auch ein Stück Lebenseinstellung.

Auch viele Kommunen beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema. Aktuelle Beispiele dazu finden sich auf der Website des 2019 gegründeten Tiny House Verbands. Der Verband sitzt in Karlsruhe und ist seit 2024 im Lobbyregister des Bundestags eingetragen. Im Mai 2026 hat er eine Kooperation mit dem Campingverband BVCD vereinbart, um Tiny Houses auf Campingplätzen voranzubringen. Das ist interessant für diejenigen, die erst einmal probewohnen wollen.

Wichtig zu Wissen

Die Kinder sind ausgezogen, das Haus ist zu groß, aber der Garten ist ein Lieblingsort? Manche Eigentümer überlegen, im Garten ein kleines Haus zu bauen, um dort selbst zu wohnen oder es der nächsten Generation zu überlassen. Ob das geht, hängt vom Bebauungsplan ab. Entscheidend sind die zulässige Grundfläche, die Baugrenzen und die Abstandsflächen zum Nachbarn. Außerdem muss das Haus an Wasser, Abwasser und Strom angeschlossen sein und eine Zufahrt haben.

Seit dem Bau-Turbo haben Gemeinden mehr Spielraum, zusätzliche Wohnungen auch abweichend vom Bebauungsplan zuzulassen. Eine Bauvoranfrage beim Bauamt bringt Klarheit, bevor Sie Geld in die Planung stecken. Und reden Sie früh mit den Nachbarn. Das erspart oft Ärger.

Tiny Houses: Chancen und Grenzen im Überblick

Wo könnte ein Tiny House überhaupt stehen? Die Studie aus Schleswig-Holstein sieht Chancen vor allem dort, wo bisher wenig passiert: in Baulücken, auf Parkplätzen, die niemand mehr braucht, oder sogar auf Dächern. Diese Flächen sind ohnehin schon versiegelt, für ein Minihaus müsste also kein neuer Boden zugebaut werden.

Interessant ist die Wohnform auch für sogenannte Enkelgrundstücke. Gemeint sind Bauplätze, die Familien über Jahre freihalten, damit eines Tages Kinder oder Enkel darauf bauen können. Bis dahin liegen sie oft brach. Ein mobiles Tiny House könnte dort für einige Jahre gegen Pacht stehen und wieder weichen, sobald die Familie das Grundstück selbst nutzen will.

Und wenn die Kinder aus dem Haus sind? Dann wird manches Eigenheim zu groß. Wer kleiner wohnen möchte, ohne das vertraute Umfeld aufzugeben, findet vielleicht in der Nähe eine kleine Restfläche, auf der ein Minihaus Platz hat.

Ein Mittel gegen den Wohnungsmangel sind Tiny Houses nach Einschätzung der Studie allerdings nicht. Auf wenigen Quadratmetern zu leben, muss man wollen und können, und längst nicht jeder Haushalt kommt damit zurecht. Für den geförderten Wohnungsbau kommen die Minihäuser deshalb nicht infrage.

Zwei Punkte sollten Sie vor einer Entscheidung kennen. Wie lange ein Tiny House hält, lässt sich noch nicht sagen, dafür ist die Bauform zu jung. Und das Versprechen der Nachhaltigkeit löst nicht jedes Haus ein. Ob ein Minihaus wirklich klimafreundlich ist, hängt davon ab, wer es gebaut hat und aus welchem Material. Mindestens ebenso wichtig ist, wie es beheizt wird und wie die Bewohner darin leben.

Unser Tipp: Fragen Sie den Hersteller konkret nach Dämmung, Heizkonzept und verwendeten Materialien. Lassen Sie sich außerdem zeigen, wie alt seine ersten Häuser inzwischen sind und wie sie sich gehalten haben.

Katrin Ahmerkamp

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