Juryresümee: Siedlungen sind mehr als die Summe ihrer Häuser

Bernd Heuer, Vorsitzender der Jury, fasst die Eindrücke und Erkenntnisse der Jury zusammen. Sein Fazit: Lebendige Gemeinschaften schaffen Räume für Austausch, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Lösungen – und damit wichtige Voraussetzungen für resiliente und lebenswerte Quartiere.

Bernd Heuer © Chris Zeilfelder
"Die Jury stellt, dass das Bewusstsein der Eigentümerinnen und Eigentümer für die großen Veränderungen unserer Zeit vorhanden ist.", freut sich Juryvorsitzender Bernd Heuer.

Wenn einer eine Reise tut. Eine solche hat die Fachjury im 28. Bundeswettbewerb des Verbands Wohneigentum unternommen und dabei die wohl einzigartige Gelegenheit gehabt, in einer einwöchigen Rundreise kreuz und quer durch ganz Deutschland – von Kiel im Norden bis Wolfach im Süden, von Essen im Westen bis Werneuchen im Osten – zwölf historisch und regional unterschiedlich geprägte organisierte Einfamilienhaussiedlungen intensiv zu erleben.

Rund 3.000 Kilometer legte die Jury im Bus zurück, etwa 50 Kilometer zu Fuß und weitere fünf Kilometer mit dem Rad. Die älteste am Wettbewerb teilnehmende Siedlung stammt aus dem Jahr 1909, die jüngste entstand 2014.

Viele Eindrücke, viele Gespräche, viele engagierte Menschen: Die Begegnungen haben gezeigt, dass Siedlungen im Idealfall mehr sind als die Summe ihrer Häuser. Sie sind gewachsene Gemeinschaften mit dem Potenzial, kommende Herausforderungen gemeinsam anzugehen und die eigenen vier Wände zukunftsfest und werterhaltend weiterzuentwickeln.

Gemeinschaft schafft neue Möglichkeiten

© Verband Wohneigentum
Ob Erfahrungsaustausch, die Sammelbestellung von Pellets oder ein gemeinsam genutztes Lastenrad: Durch die Gemeinschaft entstehen für den Einzelnen zusätzliche Möglichkeiten.

Ob Erfahrungsaustausch in einer lebendigen Nachbarschaft, Informationsveranstaltungen durch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, nachahmenswerte Projekte direkt vor der eigenen Haustür, die Sammelbestellung von Pellets oder ein gemeinsam genutztes Lastenrad: Durch die Gemeinschaft entstehen für den Einzelnen zusätzliche Möglichkeiten.

Dabei greifen die Siedlungen auf gewachsene und bewährte Strukturen zurück. Besonders aufgefallen ist der Jury auch der Austausch mit Politik und Verwaltung sowie die Unterstützung der Kommunen bei Aufgaben für die Allgemeinheit. Beispiele dafür sind der Bau eines Schaf- und Ziegenstalls zur Beweidung von Hanglagen oder die Freisetzung von Blickachsen für die attraktive Nutzung gemeindlicher Flächen und touristischer Ziele.

Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Siedlung

Die Jury konnte feststellen, dass das Bewusstsein der Eigentümerinnen und Eigentümer für die großen Veränderungen unserer Zeit vorhanden ist. Klimawende, Energiewende und Bauwende sind in den Siedlungen angekommen. Alle Gemeinschaften haben sich von ihren jeweiligen Ausgangspunkten und unter Berücksichtigung ihrer individuellen Gegebenheiten auf den Weg gemacht.

Dabei wird deutlich: Die Voraussetzungen und Möglichkeiten unterscheiden sich von Siedlung zu Siedlung. Für die Politik stellt sich deshalb die Aufgabe, die notwendigen Veränderungen mit den individuellen Möglichkeiten und Ansprüchen der Eigentümerinnen und Eigentümer zu verbinden.

In Zeiten der Transformation ist Unterstützung unverzichtbar – von einer stabilen und ausreichend ausgestatteten Förderarchitektur über klare Kommunikation bis hin zu einem gesellschaftlichen Klima, das die Leistung von Menschen mit Wohneigentum bei der Schaffung und Instandhaltung von Wohnraum als wichtigen Baustein eines vielfältigen Wohnungsmarktes würdigt.

Das Gelingen der notwendigen Veränderungen im Gebäudesektor ist auch mit der Entwicklung unserer Siedlungen verbunden – und damit mit der Initiative und dem Mitmachen der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer.

Gute Beispiele für Resilienz und Lebensqualität

© Verband Wohneigentum
Das Gelingen der notwendigen Veränderungen im Gebäudesektor ist auch mit der Entwicklung unserer Siedlungen verbunden – und damit mit der Initiative und dem Mitmachen der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer.

Was die Jury anhand der eingereichten Bewerbungen und bei der Bereisung vor Ort sehen und erfahren konnte, ist vielversprechend. Alle Gemeinschaften setzen sich mit der Zukunft und der Generationentauglichkeit ihrer Eigenheim-Siedlung auseinander.

Die unterschiedlichen Stärken der Siedlungen zeigen vielfältige Wege zu mehr Resilienz und Lebensqualität in Quartier und Kommune. Die Reise hat der Jury vor allem eines gezeigt: Bestehendes verdient Wertschätzung und kann zugleich weitergedacht werden.

Das gilt, so die Jury, auch für den Bundeswettbewerb selbst.

Fazit Bernd Heuer: Unterschiedliche Siedlungen, gemeinsame Zukunft

Vorsitzender der Jury und Vizepräsident Verband Wohneigentum

„So unterschiedlich wie das Wetter unterwegs war, so unterschiedlich sind auch die Siedlungen: Wir haben junge Siedlungen mit kleinen Grundstücken und ältere Siedlungen mit großen Grundstücken. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Gestaltung im Hinblick auf die klimatischen Verhältnisse und das soziale Miteinander. Wir haben aber auch Siedlungen, die wirklich im Sinne unseres Mottos als Leuchttürme für die Zukunft gelten können.“

Fazit Anja Monschau: Starke Gemeinschaften, die füreinander da sind

 Geschäftsführerin der Familienheim und Garten Verlagsgesellschaft

„Die Gemeinschaften sind ganz unterschiedlich aufgestellt. Manche sind klein und umfassen vielleicht nur einen Straßenzug, andere haben hunderte Mitglieder und entsprechend vielfältige Strukturen. Besonders wichtig ist der Austausch zwischen den Generationen. Insgesamt haben wir viele starke Gemeinschaften gesehen, die wertvolle Arbeit leisten, die Menschen in ihrem Umfeld mitnehmen und damit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Sie sind stark und dadurch auch resilient.“

Fazit Petra Uertz: Für Generationen handeln

Ehemalige Bundesgeschäftsführerin Verband Wohneigentum und Projektleitung

„Die Siedlungen, die wir besucht haben und die sich dem Wettbewerb gestellt haben, hatten alle etwas zu bieten – gerade im Hinblick auf das Motto ‚Für Generationen handeln‘. Das Thema ist bei den Gemeinschaften sehr gut angekommen, denn an der Basis wird ohnehin in Generationen gedacht. Mehrgenerationenwohnen, Klimaschutz und die Anpassung der Gebäude an den Klimawandel sind ebenso wichtige Themen wie das soziale Miteinander. Alle Siedlungen haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und das Motto auf ihre eigene Weise gelebt. Durch die verschiedenen Regionen und Mentalitäten waren auch die Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Das hat die Reise und den Wettbewerb besonders spannend gemacht.“

Fazit Florian Becker: Auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz

Geschäftsführer Bauherren-Schutzbund e.V. (BSB). 

„Im Bereich Energieeffizienz, klimafreundliches Heizen, Bauen und Wohnen haben sich alle Gemeinschaften auf den Weg gemacht. Photovoltaik ist dabei eine der ersten Maßnahmen, die sich relativ einfach umsetzen lässt. Gleichzeitig machen sich alle Gedanken darüber, wie es zukünftig weitergehen kann. Einige Leuchtturmprojekte sind bereits sehr weit und setzen auf klimaneutrale Heizungsanlagen, Pellet- oder Hackschnitzelheizungen oder denken über einen Anschluss an ein Biogasnetz nach. Welche Möglichkeiten bestehen, hängt dabei auch von den Gegebenheiten vor Ort ab. Insgesamt ist man auf einem sehr guten Weg.“

Fazit Heinrich Rose: Gemeinsam wohnen und zukunftsfähig bleiben

Juror und Architekt 

„Jung und Alt können in diesen Häusern sehr gut zusammenleben. Die Barrierefreiheit ist in großen Teilen gegeben und wird bei Bedarf weiter angepasst. Auch die Sicherheit wird durch verschiedene Einrichtungen und eine aufmerksame Nachbarschaft gewährleistet. Gleichzeitig haben sich die Siedlungen und Gebäude stetig weiterentwickelt und wurden an moderne und energetische Anforderungen angepasst. Modernisierung ist dabei ein fortlaufender Prozess: Die Häuser müssen immer wieder gepflegt und weiterentwickelt werden, insbesondere wenn ein Generationswechsel stattfindet.“

Fazit Martin Breidbach: Gärten im Wandel – mehr Vielfalt für das Klima

Gartenbau-Ingenieur und Bundesgartenberater 

„Wir haben viele Gärten gesehen, die von einer veränderten Vorstellung von Garten zeugen – mit einer größeren Vielfalt an Pflanzen und entsprechenden Maßnahmen zum Klimaschutz. Insofern sehe ich die Siedlungen und Gärten auf einem guten Weg. Gleichzeitig gibt es noch Beispiele, bei denen etwas getan werden muss. Gerade angesichts zunehmender heißer Sommer sind klimaangepasste Bäume und eine größere Artenvielfalt in den Gärten wichtige Themen. Auch das Thema Kiesgärten ist weiterhin präsent. Hier gibt es noch entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.“

Bewertungskriterien: Woran werden Siedlungen gemessen?

Luftaufnahme der Siedlung Wolfach im grünen Kinzigtal mit Einfamilienhäusern und bewaldeten Hügeln © Verband Wohneigentum/SG Wolfach

Der Bundeswettbewerb zeichnet Siedlungsgemeinschaften aus, die ihr Wohnumfeld nachhaltig, gemeinschaftlich und zukunftsorientiert gestalten. Grundlage der Bewertung sind einheitliche Kriterien, die soziale, ökologische und bauliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigen. Im Mittelpunkt stehen nicht Einzelmaßnahmen, sondern die Entwicklung der Siedlung als Ganzes sowie ihr Potenzial für die Zukunft.

 Nachhaltigkeit konkret: Die Kriterien

Preisträger 2024: Vorbilder für nachhaltige Siedlungen

© Verband Wohneigentum

Die Preisträger 2024 des Bundeswettbewerb zeigen wie nachhaltige Siedlungsentwicklung in der Praxis gelingt. Dabei überzeugen die Ausgezeichneten mit innovativen Ideen, starkem nachbarschaftlichem Engagement und zukunftsorientierten Lösungen für ihr Wohnumfeld. Sie sind Vorbilder für nachhaltiges Wohnen und machen sichtbar, wie gemeinschaftliches Handeln die Lebensqualität vor Ort nachhaltig stärkt.

Die Preisträger entdecken