Nachbarschaftsstreit: So entschieden Gerichte über Hecken, Wurzeln und Balkonkraftwerke

Überhängende Äste, zu hohe Hecken oder Balkonkraftwerke – Konflikte unter Nachbarn landen immer wieder vor Gericht. Die folgenden Urteile zeigen, wie Gerichte typische Streitfälle rund um Haus und Garten bewertet haben. Unser Rat: Suchen Sie möglichst zuerst das persönliche Gespräch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nicht jeder Nachbarschaftsstreit muss vor Gericht enden.
  • Eigentümer dürfen unter bestimmten Voraussetzungen gegen störende Baumwurzeln vorgehen.
  • Hecken, Terrassen oder Solaranlagen führen immer wieder zu rechtlichen Auseinandersetzungen.
  • Gerichte entscheiden häufig nach den konkreten Umständen des Einzelfalls.
  • Ein klärendes Gespräch ist meist der beste erste Schritt.
Zwei bockige Mädchen sitzen mit verschränkten Armen auf einer Bank und haben Streit © PantherMedia/Martin Novak
Egal ob Klein oder Groß - rund um Haus und Garten gibt es immer wieder mal Zoff unter Nachbarn. Und manch' ein Streit endet vor dem Kadi.

Baumwurzeln dürfen unter Umständen entfernt werden

Ein Klassiker beim Gartenstreit sind Baumwurzeln, die von einem Grundstück auf das andere wachsen und deswegen als Belästigung empfunden werden. In Rheinland-Pfalz sah ein Nachbar deswegen die Nutzbarkeit seines Grundstücks stark eingeschränkt. Wegen aus dem Boden herausragender Wurzeln konnte er zum Beispiel den Rasen nicht mehr mähen. Ihm wurde gestattet, zur Selbsthilfe zu greifen und die Wurzeln einer Fichte zu kappen. Das Landgericht Frankenthal (Aktenzeichen 2 S 132/20) sah dies als berechtigt an - und zwar selbst dann, wenn danach ein Absterben des Baumes drohe.

Bevor der Streit eskaliert

  • das persönliche Gespräch suchen
  • gemeinsam nach einer Lösung suchen
  • Vereinbarungen möglichst schriftlich festhalten
  • örtliche Schlichtungsstellen nutzen
  • erst danach rechtliche Schritte prüfen

Genehmigung gilt nur für das beantragte Bauvorhaben

Wer als Mieter einen Antrag auf bestimmte Umbauten stellt, der sollte sich auch im Bereich dessen bewegen, was er beantragt hat. Das war bei einem Fall in Hessen nicht so. Dort hatte ein Mieter die Genehmigung für den Bau eines "Biotops mit kleiner Teichanlage" eingeholt, dann aber ein betoniertes Schwimmbecken errichtet. Das Oberlandesgericht Frankfurt (Aktenzeichen 2 U 9/18) verpflichtete ihn zum Rückbau.



Größere Balkone können den Wohnwert steigern

Niemand wird bestreiten, dass ein Balkon mit Gartenblick eine reizvolle Angelegenheit sein kann. Doch was ist davon zu halten, wenn solche Balkone nachträglich angebaut werden sollen, obwohl es bereits kleine Balkone gibt, die in eine andere Richtung zeigen? Ist das dann eine Luxussanierung? Das Landgericht Frankfurt (Aktenzeichen 2-09 S 34/18) verneinte dies auf die Klage einer Wohnungseigentümerin hin. Es handle sich hier um eine Verbesserung des Wohnwerts.



Terrassen dürfen Nachbarn nicht unzumutbar beeinträchtigen

Eines mag so gut wie niemand: wenn ihm die Nachbarn von außen in die Wohnung blicken können. Das war aber der Fall, als ein Wohnungseigentümer eine Gartenterrasse errichtet hatte. Von ihr aus waren genau solche Blicke zur Nachbarfamilie möglich. Das Amtsgericht Sinzig (Aktenzeichen 10a 8/18) war der Überzeugung, die Nachbarn hätten um ihre Zustimmung gebeten werden müssen. Liege diese nicht vor, komme nur die Entfernung der Terrasse in Frage.



Anerkenntnis kann Verjährung neu beginnen lassen

Manchmal ist es schon recht kompliziert mit Vereinbarungen unter Nachbarn. Der Besitzer einer zu hohen Thuja-Hecke an der Grundstücksgrenze hatte versprochen, dass er die Hecke zurückschneiden werde. Er tat es nicht, wartete ab und berief sich später darauf, inzwischen sei die Verjährung eingetreten. Das Amtsgericht München (Aktenzeichen 242 C 24651/17) akzeptierte das nicht. Die zwischenzeitliche Anerkenntnis des Rückschnitts habe die noch nicht abgelaufene Verjährungsfrist neu beginnen lassen.



Grundstückeigentümer müssen Verkehrsschilder freihalten

Straßenschilder auf öffentlichem Grund gehen im Regelfall die Bewohner der daneben liegenden Anwesen nichts an. Eine Ausnahme: Wachsen Sträucher und Büsche vom Grundstück aus in Richtung Schild und verdecken dieses, dann muss diese Störung der öffentlichen Sicherheit beseitigt werden. So ordnete es das Verwaltungsgericht Greifswald (Aktenzeichen 3 A 1417/20) an.


 

Balkonkraftwerke sind grundsätzlich zulässig

Nicht nur Haus-, sondern auch Wohnungsbesitzer haben die Möglichkeit, eine (kleine) Solaranlage zu errichten. Im letztgenannten Falle kann das auf dem Balkon geschehen. Das Amtsgericht Stuttgart (Aktenzeichen 37 C 2283/20) gestattete dies einem Mieter. Die Bedingungen: Die Anlage müsse baurechtlich zulässig, von einem Fachmann installiert, leicht rückbaubar und optisch nicht störend sein.

 

Kein Schadenersatz wegen verschattetem Satellitenempfang

Ein ungewöhnlicher Fall der Störung durch einen Baum spielte sich in Rheinland-Pfalz ab. Dort machten Nachbarn geltend, der wuchtige Baum auf öffentlichem Grund störe ihren Satellitenempfang. Deswegen sei Schadenersatz für die Verlegung der Anlage fällig. Das Landgericht Koblenz (Akten-zeichen 6 S 204/18) erkannte keine unzumutbare Beeinträchtigung, gegen geltende Rechtsnormen wie Nachbar- und Baurecht werde nicht verstoßen.

LBS

Gut zu wissen

  • Viele Entscheidungen gelten nur für den jeweiligen Einzelfall.
  • Maßgeblich sind häufig Landesnachbarrechtsgesetze sowie das Bürgerliche Gesetzbuch.
  • Auch Urteile anderer Gerichte können eine Orientierung bieten, ersetzen aber keine Rechtsberatung.
  • Bei größeren Konflikten empfiehlt sich eine rechtliche Beratung.