Verbandsposition: Pflanzenschutz im Garten ohne Chemie

Blattläuse, Schneckenfraß, Mehltau – und jetzt spritzen? Nicht im Hausgarten, sagt der Verband Wohneigentum. Die neue Verbandsposition macht klar: Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind hier überflüssig. Wie naturnaher Pflanzenschutz stattdessen gelingt, zeigt ein 4-Stufen-Modell . Von Vorbeugung bis zum gezielten Einsatz von Nützlingen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Verband Wohneigentum lehnt chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel im Hausgarten begründet ab.
  • Eine Online-Umfrae aus dem Jahr 2026 unter rund 600 Teilnehmenden ergab, dass 96,4 % umweltschonendes Gärtnern wichtig oder sehr wichtig finden.
  • Die Position basiert auf 5 Grundsätzen: kein Schaden für Flora/Fauna, Vorbeugung vor Eingriff, sorgfältige Abwägung, Verzicht auf Chemie, Wissensvermittlung an Verbraucher.
  • Statt Chemie empfiehlt der Verband ein 4-stufiges Vorgehen: Vorbeugung → mechanische Maßnahmen → biotechnische Verfahren → Nützlinge/Grundstoffe 
  • Politische Forderungen: keine neuen Zulassungen für chemische Mittel in Privatgärten/öffentlichen Grünflächen, mehr unabhängige Beratung, bessere Schulung im Handel, mehr Kinder- und Schulgärten.
Marienkäfer als Nützling im Garten – chemische Pflanzenschutzmittel schaden oft auch nützlichen Insekten © Verband Wohneigentum/Görlitz
Pflanzenschutzmittel wirken nicht nur gegen Schädlinge – sie schaden auch Nützlingen wie Marienkäfern oder Florfliegen.

Ob Blattlaus, Schneckenfraß oder Mehltau – kaum ein Garten bleibt von Schaderregern und Pflanzenkrankheiten verschont. Und kaum ein Thema sorgt unter Hobbygärtnerinnen und -gärtnern für so viel Unsicherheit wie die Frage: Darf ich jetzt spritzen oder nicht? 

Genau hier setzt die neue Position der Gartenberatung im Verband Wohneigentum an. Der Kern: Auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollte man im Hausgarten ganz verzichten. Eine Haltung, die deutlich über den sogenannten Integrierten Pflanzenschutz hinausgeht, bei dem chemische Mittel zumindest als letztes Mittel der Wahl erlaubt bleiben. 
 

Ergebnisse unserer Umfrage: Wunsch nach naturnahem Gärtnern wächst

Dass diese klare Haltung auf fruchtbaren Boden fällt, zeigt eine aktuelle Umfrage des Verbands Wohneigentum unter rund 600 Menschen (2026). Für 96,4 % der Befragten ist umweltschonendes Gärtnern wichtig oder sehr wichtig – ein beeindruckend klares Bekenntnis. 

Gleichzeitig zeigt die Umfrage aber auch: Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Rund jede fünfte befragte Person (20 %) greift nach wie vor zu chemisch-synthetischen Mitteln, wenn sich Pflanzenkrankheiten oder Schaderreger an Kulturpflanzen zeigen. Immerhin: 2014 lag dieser Wert noch bei 27 % – ein Rückgang um sieben Prozentpunkte in zwölf Jahren. 

„Diese Zahlen bestätigen uns in unserem Weg", sagt Verbandspräsident Peter Wegner. „Viele Menschen wollen naturnah gärtnern, sie brauchen aber mehr Unterstützung, um diesen Anspruch auch im Alltag umzusetzen. Genau da setzt unsere neue Position an." 

Wer sich beim Pflanzenschutz unsicher fühlt, informiert sich laut Umfrage vor allem im Internet (37 %) und bei der Gartenberatung des Verbands (25 %) – deutlich vor Fachhandel, Nachbarn oder gar Künstlicher Intelligenz. Und wonach fragen die Mitglieder am häufigsten? An erster Stelle steht der Wunsch nach verständlichen, unabhängigen Informationen, dicht gefolgt vom Wunsch nach mehr biologischen Lösungen und wirksamen Alternativen zu chemischen Mitteln. 

5 Grundsätze für umweltgerechten Pflanzenschutz im Garten

Die neue Position beruht auf fünf Grundsätzen, die auch die Arbeit der Gartenberatung im Verband leiten: 

  • Gärtnerisches Handeln soll sich (auch beim Pflanzenschutz) nicht negativ auf Flora und Fauna auswirken. 

  • Vorbeugender Pflanzenschutz hat oberste Priorität. 

  • Notwendige Eingriffe müssen sorgfältig abgewogen, schonend und gezielt erfolgen. 

  • Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel werden im Garten grundsätzlich abgelehnt. 

  • Der Verband stärkt Wissen und Kompetenz seiner Mitglieder im Umgang mit Schädlingen und Nützlingen. 

Warum auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichten?

Die Position begründet den strikten Verzicht ausführlich: Pflanzenschutzmittel wirkten selten nur gegen die eigentlichen Schädlinge, sondern schädigen oft auch Nützlinge wie Marienkäfer oder Florfliegen. Sie können sich im Boden anreichern, ins Grundwasser gelangen und langfristig das ökologische Gleichgewicht im Garten stören. 

Auch das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass selbst zugelassene Wirkstoffe teils als krebserregend, erbgutschädigend oder hormonwirksam eingestuft werden. Der Hintergrund: Laut Umweltbundesamt zählt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu den Hauptursachen für den Rückgang der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft – und ähnliche Wirkmechanismen kommen eben auch im heimischen Garten zum Einsatz, nur eben im Kleinen, direkt vor der eigenen Haustür. 

Was tun bei Schädlingsbefall? Das Stufenmodell im Überblick

Genau hier setzt der zweite große Teil der Position an: ein Stufenmodell mit Handlungsoptionen in klarer Reihenfolge. 

  • Vorbeugung: richtige Pflanzenwahl, gesunde Böden, gezielte Förderung von Nützlingen wie Marienkäfern oder Schlupfwespen. 

  • Mechanische Maßnahmen: Schneckenzäune, Schutznetze, Absammeln von Schädlingen. 

  • Biotechnische Verfahren: zum Beispiel Pheromon- oder Lockstofffallen. 

  • Nützlinge und Grundstoffe: gezielter Einsatz, etwa Kuhmilch gegen Echten Mehltau oder Brennnesselextrakt gegen Blattläuse. 

Für chemisch-synthetische Mittel bleibt darin aber, anders als im Integrierten Pflanzenschutz, kein Platz. 

Praxistipps vom Bundesgartenberater

Wie sich das im echten Gartenleben anfühlt, weiß Bundesgartenberater Martin Breidbach aus jahrzehntelanger Erfahrung: „Ein Garten ist kein steriles Labor. Ein paar Blattläuse oder ein löchriges Kohlblatt sind kein Drama, sondern ganz normal. Wer seinen Garten beobachtet, robuste Sorten wählt und Nützlingen einen Lebensraum bietet, muss viel seltener überhaupt zu einem Mittel greifen. Und wenn doch mal etwas nötig ist, gibt es schonendere Alternativen zu chemisch-synthetischen Spritzmitteln." 

Auch beim Thema Beratung sieht Breidbach großen Nachholbedarf, ganz im Sinne der Verbandsposition: „Viele Hobbygärtnerinnen und -gärtner wissen einfach nicht, welche Nützlinge im Garten helfen oder wie man Schädlinge sicher von Nützlingen unterscheidet. Genau da wollen wir mit unserer Gartenberatung noch stärker ansetzen. Mit praxisnahen Tipps statt erhobenem Zeigefinger." 

© Verband Wohneogentum
Gesundes Pflanzenwachstum und achtsame Eingriffe in den Naturkreislauf sollten im Garten im Gleichgewicht stehen.

Politische Forderungen des Verbands Wohneigentum

Die neue Position bleibt nicht bei Empfehlungen für den eigenen Garten stehen, sondern richtet sich auch an die Politik. Der Verband fordert unter anderem: 

  • Keine neuen Zulassungen für chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel in Privatgärten und auf öffentlichen Grünflächen. 

  • Mehr unabhängige Aufklärung und Beratung für Verbraucherinnen und Verbraucher. 

  • Bessere Schulung von Verkäuferinnen und Verkäufern im Handel. 

  • Stärkere Förderung von Kinder-, Schul- und Gemeinschaftsgärten, um naturnahes Gärtnern schon früh zu vermitteln. 

„Wir sehen uns hier klar in der Verantwortung – als gemeinnütziger Verband, aber auch als einzelne Gartenbesitzerinnen und Gartenbesitzer", so Peter Wegner. „Jeder naturnah gepflegte Garten ist ein kleiner, aber wichtiger Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt direkt vor der eigenen Haustür. Mit dieser Position machen wir deutlich, wofür der Verband Wohneigentum steht und wie wir unsere Mitglieder auf diesem Weg begleiten wollen."

So gelingt naturnaher Pflanzenschutz im eigenen Garten

Und was könnt ihr konkret tun? Der Verband rät: erst genau hinschauen, dann handeln. Nicht jede angefressene Blattspitze und nicht jede kleine Blattlauskolonie ist gleich ein Grund zum Eingreifen. Oft regelt sich das Gleichgewicht im Garten mithilfe natürlicher Gegenspieler von selbst. 

Wo doch etwas nötig ist, gilt die Devise: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schritt für Schritt und immer mit der Natur statt gegen sie.

Anna Florenske